Arbeitsbelastung bei Lehrpersonen 2026
Dieser Artikel ist grösstenteils vor der Abstimmung zum neuen Zürcher Lehrpersonengesetz (2026-09) entstanden. Folgeartikel: Arbeitsbelastung bei Lehrpersonen 2026 Teil 2
Ist-Zustand
Arbeitsbelastung von Lehrpersonen gemäss Umfragen
Im schweizweiten Bildungsbericht (SKBF, 2026) zeigt sich: Fünf Jahre nach Abschluss der Ausbildung sind Lehrpersonen zu 90% zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Arbeit (einer der höchsten Werte). Gleichzeitig sind aber nur 40% zufrieden mit der Arbeitsbelastung (der tiefste Wert, gemeisam mit Arbeitnehmenden aus dem Gesundheitswesen. (Quelle: Bildungsbericht 2026, S. 52)
Schweizweite Umfrage (LCH, 2024) bewerteten Lehrpersonen ihre allgemeine Zufriedenheit mit der Note 4.2 Studienresultate.
Besonders aktuell sind die Umfrageergebnisse der Zürcher Lehrpersonenbefragung (ZLV, 2026):
Lehrpersonen in Zürich sind zufrieden mit dem Job, arbeiten aber durchschnittlich 18 Prozent zu viel! Das heisst mit 100% arbeitet man fast eine 6-Tage-Woche. (Der erste Tagi-Artikel darüber ist hier (Paywall) und hier ohne Paywall.)
Arbeitsbelastung, meine persönliche Erfahrung
Ich bin mit einem 76% Pensum angestellt, arbeite aber im Durchschnitt anstatt 28h/W eher 35h/Woche, also ungefähr 18% zu viel.
(Pensum von 100% wäre 42h/Woche).
(Durchschnitt aufs Jahr gerechnet, in der Realität sinds in den Schulwochen noch mehr, in den Schulferien dafür weniger)
Momentan versuche ich im Alltag Abstriche zu machen, um in meinem Pensum zu bleiben. Das ist ein stressiges Unterfangen, da momentan alle Aspekte meines Jobs wichtig sind: Klassenlagers organisieren, unterstützen bei Berufswahl/Bewerben, Vor-/Nachbereiten von wichtigen Elterngesprächen, psychologische Abklärungen und Nachteilsausgleiche überblicken, soziale Streitigkeiten unter den Jugendlichen klären, faire Prüfungen entwerfen und diese ausführlich und fair benoten. Dazu kommt ganz nebenbei noch 19 Lektionen Unterricht pro Woche, der sollte natürlich auch noch einigermassen spannend und didaktisch durchdacht sein.
Was soll ich zuerst einsparen? Aus moralischer Perspektive kann ich eigentlich nichts weglassen, so bleibt die zu hohe Arbeitsbelastung.
Du siehst: Es ist kaum möglich Arbeitszeit einzusparen, ohne dass die Jugendlichen darunter leiden und die Eltern es bemerken.
Was man an der Abstimmung am 27.9. mit einem JA verändern kann
Neben kleineren administrativen Entlastungen, sind es hauptsächlich zwei Dinge, die durch die Änderung des Lehrpersonalgesetz (LPG) verändert werden.
Situation KLP-Stunden
Momentan kriege ich 100 Stunden dafür gutgeschrieben, dass ich die Klassenlehrperson-Funktion habe. Damit soll ich dieses Jahr:
- ~20 Elterngespräche vor-/nachbereiten und durchführen
- wöchentlich div. Nachrichten und Telefongespräche mit Eltern führen
- ein Klassenlager organisieren und durchführen
- in allen Pausen und auch ausserhalb der Schulzeiten bin ich Ansprechpartner für Sorgen rund um Streitigkeiten, Berufswahl, Psychische Probleme und vieles mehr
- Nebenher muss ich übrigens noch mein Klassenzimmer hübsch eingerichtet haben, da ich für den Arbeitsplatz der Jugendlichen (und mir) verantwortlich bin.
- Bei kleinen und mittelgrossen pädagogischen, psychologischen oder disziplinarischen Fällen habe ich die Fallführung. Dies bedarf dann Sitzungen wie die SoPäd-FT (Sonderpädagogische Fachtagung) bei der die SHP, SPD, Schulpflege und Schulleitung dabei sind. Natürlich auch etliche ausserplanmässige und zum Teil relativ spontane Elterngespräche. (Erst wenn es weiter eskaliert, übernimmt die SHP oder die Schulleitung die Fallführung. Die Abläufe sind je nach Schulhaus unterschiedlich.)
Der Verband der Zürcher Lehrpersonen hat ausgerechnet, dass für das Amt der Klassenlehrperson 250 Stunden angebracht wären. Der Kompromiss, der vors Volk kommt, sind 160 für Klassenlehrpersonen. Die Gegner verlangen, dass es bei 100 bleibt.
Situation Stundenfaktor
Pro Wochenlektion werden heute ~58 Arbeitsstunden pro Jahr verrechnet. Das bedeutet, dass ich für eine Lektion Mathematik in der Woche im Jahr 58 Arbeitsstunden zur Verfügung habe. (das kommt von dieser Rechnung: ca. 39 Schulwochen * 45'-Lektionen plus je Lektion 45' Vor-/Nachbereitung = ungefähr 58 Arbeitsstunden pro Jahr pro Wochenlektion)
Dies ist zu wenig für die heutigen Ansprüche an Unterricht. Im Vergleich zu früher sind die Ansprüche an Unterricht höher. Die Integration, Digitalisierung des Unterrichts sowie die heterogenere Lebenswelt der Jugendlichen macht die Vor-/Nachbereitung des Unterrichts heute zeitintensiver.
Der Verband empfiehlt deshalb eine Erhöhung auf 62.
Die Änderung am LPG möchte den Stundenfaktor auf 59 Arbeitsstunden pro Jahr pro Wochenlektion anheben.
Die Gegner lehnen das ab, sie wollen ihn bei 58 belassen.
Argumente gegen die Änderung des Lehrpersonalgesetz
Verschiedene Argumente und was ich darauf antworte.
Es ist zu teuer für die Gemeinden
Quelle: Tagi-Artikel über Befragung (Paywall) oder hier ohne Paywall.
- Gemeinden bezahlen in Zürich 80% der Lehrpersonen-Löhne und können nur wenig mitbestimmen, da Bildung Sache der Kantone ist. Diesen Schlüssel zwischen Gemeinden und Kanton zu ändern, ist meiner Meinung nach eine gute Idee und sollte politisch weiter verfolgt werden. All das hat aber nichts mit der Arbeitsbelastung der Lehrpersonen zu tun, die akut zu verringern ist.
Lehrpersonen verdienen schon heute gut
Quelle: Tagi-Artikel über Befragung (Paywall) oder hier ohne Paywall.
- Das ist wahr, Lehrpersonen, die 100% arbeiten, verdienen nicht schlecht, auch im Vergleich zu anderen Hochschulabsolventen..
- Die Aussage hat aber nichts mit der Änderung zu tun. Die Änderung wird den Lohn nicht erhöhen.
- Momentan arbeitet eine Lehrperson täglich Überzeit. Gratis. Diese Stunden werden durch die Änderung verringert. Der Lohn bleibt gleich.
Es kostet 83 Mio. CHF
- Eigentlich ist es umgekehrt: Bis jetzt haben Gemeinden und Kantone jährlich 83 Mio. CHF eingespart, denn die Arbeit wird ja als Überzeit geleistet, einfach nie entlöhnt.
- Bleibt die Arbeitsbelastung der Lehrpersonen gleich, werden höhere Kosten anfallen (Lehrpersonenmangel, Fluktuation, Krankheitsausfälle, Qualitätsverlust). Siehe letzten Abschnitt.
- Gemäss den letzten Umfragen ist der Durchschnitt der Bevölkerung zufrieden mit der Arbeit der Schule und der Lehrpersonen. Die Lehrpersonen verdienen es also, entsprechend ihrer Arbeit entlöhnt zu werden.
- Im Vergleich zu anderen Kantonen sind die Bildungsausgaben im Kanton Zürich für die öffentliche Volksschule momentan im Mittelfeld.
Es ist ein Giesskannenprinzip
- Natürlich leisten nicht alle LPs 18% über ihrem Pensum. Das ist ein Durchschnittswert, einige arbeiten nur soviel wie im Vertrag steht, andere arbeiten noch mehr als 1.5h Überzeit pro Tag.
- Grundsätzlich sind KLPs mehr überbelastet, dem wird Rechnung getragen, indem der KLP-Faktor angehoben wird.
- Genaue Arbeitszeiterfassung pro Person und individuelle Entlastung wäre 1. ein zu grosser administrativer Aufwand (die Zeiterfassung wäre heute Pflicht, ist unmöglich durchzusetzen und wird von fast niemabdem gemacht und ist einer der Paragraphen, der durch die Änderung gestrichen würde) und 2. würde es falsche Anreize schaffen, heute arbeiten LPs sehr effizient, da die meisten sich bewusst sind, dass sie eh schon zu lange arbeiten jeden Tag.
Wenn die Abstimmung am 27.9. abgelehnt wird
Konsequent wäre, die Arbeitszeit dem Lohn anzupassen.
Dies umzusetzen, ist natürlich schwer. Es würde merklich die Qualität des Unterrichts senken. Die Eltern würden unzufrieden, die Schulleitungen würden etliche Lehrpersonen mit einem "genügend" oder "ungenügend" in der Mitarbeiterbeurteilung abstrafen, was sich beides übrigens auch auf den Lohn auswirkt. Es ist wahrscheinlich, dass aufgrund dem Gruppendruck, der Trägheit der Sache sowie moralischen Skrupeln die meisten Lehrpersonen weiterhin Überstunden arbeiten.
Dies würde viele Lehrpersonen dazu treiben, relativ bald schon wieder den Job zu wechseln, was den Lehrpersonenmangel wieder befeuert. Lehrpersonenmangel ist immer wieder ein grosses Problem und senkt merklich die Qualität des Unterrichts, da unausgebildete Personen eingestellt, Klassen zusammengelegt werden, etc.
Oder aber es arbeiten immer mehr Lehrpersonen nur Teilzeit. Dies ist heute schon der Fall ist, da viele nicht mehr als 42 Stunden pro Woche arbeiten wollen. Das macht nicht nur den Alltag in der Schule komplizierter, sondern ist auch schlechter für die Jugendlichen, da sie dann tendenziell bei (noch) mehr unterschiedlichen Lehrpersonen Unterricht haben.
Deshalb ein JA einwerfen.
Weitere Quellen
Talk Täglich, gutes Streitgespräch: https://www.telezueri.ch/talktaeglich/gratisarbeit-oder-lohnerhoehung-streit-um-zuercher-lehrpersonen-164953221
Pro:
Kampagnen-Webseite der Befürworter: https://lehrpersonal-kompromiss.ch/
Website des Verbandes der Zürcher Lehrpersonen: https://www.zlv.ch/
Kontra:
Webseite des Gemeindeverbandes und deren Argumente dagegen: https://www.gpvzh.ch/newsmedienmitteilungen/115489
Der zweite Teil dieses Artikels: Arbeitsbelastung bei Lehrpersonen 2026 Teil 2
Hier gehts mehr um die Konsequenzen des "Nein" zum LP-Gesetz.
Der dritte Teil: Arbeitsbelastung, das sagen die Zahlen
Hier gehts um die konkreten Zahlen der Arbeitszeiterfassung und andere Statistiken, die mein Arbeitsleben als Lehrperson beschreiben.
Weitere Seiten mit Gedanken:
Rollen als Lehrperson
Wertschätzung gegenüber LP, philosophisch
Wertschätzung gegenüber LP, konkret
Lehrer Sein
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