Arbeitsbelastung bei Lehrpersonen 2026 Teil 2
Teil 1 dieses Artikels: Arbeitsbelastung bei Lehrpersonen 2026
Dieser Teil ist Ende September 2026 entstanden. Ich habe vor, die Daten der Zeiterfassung Ende Oktober anzupassen.
Im Vorfeld der Abstimmung vom 2026-09 habe ich mit verschiedenen Menschen aus verschiedenen Lebensrealitäten gesprochen und hab viel über die Rolle der Lehrperson in der Gesellschaft dazugelernt. Ich habe mit vielen Personen gesprochen, die mit mehr oder weniger Wissen über unsere Arbeit Verständnis fürs Problem zeigten.
Mich interessierte jedoch am Meisten, was die Gründe gegen ein "Ja" waren.
Dies waren die meistgenannten Gründe gegen eine Verbesserung:
- Lehrpersonen verdienen jetzt schon (zu) viel.
- Die Anstellungsverhältnisse von Lehrpersonen sind nicht schlecht, man muss sie mit Kaderangestellten (oder mit Selbstständigen) vergleichen.
- In den Ferien und am Nachmittag habt ihr doch frei. Du hast das in deiner Zeiterfassung falsch gezählt/gerechnet. Diese Überstunden sind bestimmt durch ein Fehler entstanden.
- Die Änderung am Gesetz ist eine Lohnerhöhung.
- Du musst effizienter werden.
Folgend gehe ich genauer auf die Punkte ein und was ich davon halte:
1. Lehrpersonen verdienen jetzt schon (zu) viel
Als öffentlich Angestellte sind unsere Löhne öffentlich einsehbar, hier Stand 2026. Ich als Sekundarlehrperson bin in Kategorie IV, 7 Jahre nach Studiumsstart bin ich jetzt in Lohnstufe 3 (die ersten paar Stufen steigt man jährlich automatisch auf, dann nur noch alle zwei Jahre, weiter oben noch seltener. Die obersten Stufen sind praktisch nicht zu erreichen.)
Als Lehrperson angestellt zu sein hat verschiedene Vor-/Nachteile:
Ein grosser Vorteil ist, dass die Politik die Löhne grundsätzlich jährlich an die Inflation anpasst. Natürlich nur solange, wie der politische Wille dafür da ist. Ein Nachteil (oder Vorteil?) ist, dass es keine Lohnverhandlungen gibt, keine individuellen Boni, Ausgleiche oder Anpassungen auf Einzelpersonen. Ein Mangel an Lehrpersonen führt zu keiner Lohnerhöhung, der Lohn hängt also nicht von Angebot/Nachfrage ab. Anders als in den meisten Branchen kann ich aber auch den Betrieb nicht wechseln, um mehr Lohn zu verlangen.
2. Lehrpersonen sind eigentlich Kaderangestellte/ Selbstständige
Was ich in Diskussionen dazugelernt habe:
Kader/Management/Oberärtze und andere, die einen Kadervertrag unterzeichnet haben, haben ebenfalls sehr viel Verantwortung. Von ihnen wird ebenfalls verlangt, spontan Überstunden zu machen. Der Unterschied ist, dass auch Angestellte mit einem Kadervertrag für ihre Überstunden vergütet werden oder sie mit Gleitzeit/Ferientagen abbauen können.
Es gibt aber durchaus auch Angestellte, die haben ähnliche Missstände, ebenfalls viel zu viele Überstunden, z.T. auch unbezahlt:
Ich habe Geschichten gehört wie: "Die arbeiten mehr als 50h pro Woche, alles über 50h dürfen sie jedoch nicht aufschreiben, weils sonst gegens Arbeitsgesetz verstösst. Tun sie es trotzdem, werden sie mit der Begründung entlassen, sie seien ineffizient."
Das ist in meinen Augen genauso ein Missstand und muss auch geändert werden. Niemand möchte der Patient sein, der vom Chirurg operiert wird, der gerade seine 54 Arbeitsstunde dieser Woche beginnt.
Es ist einfach: Alle unterzeichnenden Parteien haben sich an einen Vertrag zu halten, bei einem Arbeitsvertrag ist das genauso.
Rein von der Lohnhöhe gibt es Kaderverträge, die unter und deutlich über der Lohnstufe von Lehrpersonen liegen, je nach Branche.
Nach meinem Wissen hat man als Sekundarlehrperson (Masteranschluss) einen ziemlich durchschnittlichen Lohn verglichen mit anderen Berufen mit Masterabschluss.
Aber wie gesagt, als Lehrperson hat man keinen Kadervertrag. Und auch wenn, jeder Arbeitsvertrag, auch ein Kadervertrag sollte von allen Parteien eingehalten werden.
Als Lehrperson als Selbstständiger zu gelten finde ich ein spannender Vergleich. Man hat als LP ebenfalls viele Freiheiten, auch grosse Verantwortung und nimmt die Arbeit physisch und mental nach Hause. Natürlich gibt es auch Unterschiede: Als Selbstständiger kann man sich durch Mehrarbeit mehr Einkommen generieren, was aber auch ein Risiko für Workaholics/Burn-Out ist. Dafür habe ich einen sicherern Job, wobei Burn-Outs auch recht häufig sind. Und so weiter... Die ganze mentale Gymnastik ist sicherlich spannend, rechtfertigt aber auch keine unbezahlten Überstunden.
3. Zweifel an Zeiterfassung/Überstunden
Der ganze Sachverhalt ist schwer zu erklären und mit anderen Berufen zu vergleichen, da es verschiedene Möglichkeiten gibt, die Arbeit zu messen:
- Lektionen pro Woche
- Jahresarbeitsstunden
- Pensum / Beschäftigungsgrad (max. 100%)
- Stunden pro Woche (theor. max. 42h/w)
- Stunden pro Schulwoche
- Überstunden pro Arbeitstag, Überstunden in Prozent
Ich hatte einige Fehler in der ersten Version der Ausführungen, plus änderten sich gewisse Dinge noch, da ich zusätzlich vergütet wurde (Aufstockung 80%->100% während Klassenlager)
Nach aller Rechnerei ist es wohl am einfachsten, die neuen und konkreten Zahlen meiner Erfassung der ersten zwei Monaten zu betrachten:
Es sieht folgendermassen aus für meine Arbeit Klassenlehrer 2. Sekundarschule an der Schule Weisslingen, zu 80% angestellt (ca. 76% kantonal, 4% kommunal), 19 Lektionen/Woche
Die bisher erfassten Arbeitsstunden sehen so aus:

Die Schuljahres-Grenze ist hier Ende Juli, das ist nach ca. 3/5 Wochen Sommerferien.
Die Steigerung des Ist zum Vorjahr ist, weil ich nun als Klassenlehrer angestellt bin.
Was, wenn man die geleisteten Arbeitsstunden jetzt mit dem Arbeitsvertrag vergleicht?

Rechts sieht man, dass ich für 1505 Jahresarbeitsstunden angestellt bin.
Links steht die Hochrechnung, sollte es für die restlichen 10 Monate so weitergehen.
Nach 2 Monaten des jetzigen Schuljahres muss ich also damit rechnen, mit meinem ~80%-Pensum ca. 41.8h/Woche zu arbeiten (dies entspräche einem 100% Pensum).
Wenn wir davon ausgehen, dass das Jahr 240 Arbeitstage hat, sind das gute 2 Überstunden pro Arbeitstag.
Für die Diagramm-Freaks unter euch noch eine hübsche Grafik:

Die orange Linie zeigt an, wie die Jahresarbeitsstunden auf die Wochen verteilt werden könnten, wenn man davon ausgeht, dass ich in allen Schulferien nix arbeite. Die Woche 40 war zu dem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen.
Zu erwarten wäre, dass ich in den Schulwochen unter dem orangen Soll bleibe und in den Ferien jeweils trotzdem ein wenig arbeite.
Was auffällt, ist der Ausschlag bei Woche 35. Dort habe ich 76h gearbeitet. Dies waren 5 Tage Klassenlager in Burgdorf. Und ich kann euch beruhigen: Ich habe die Zeit sehr konservativ erfasst. Jede längere Toilettenpause, jedes 10' Rucksack-Umpacken und Zähneputzen, jede Malzeit ohne Sitzung/Störungen durch SuS und den Arbeitsweg Anfangs/Ende Woche habe ich nicht als Arbeitszeit erfasst. Die 76h waren also wirklich nur die Zeit, die ich wirklich psychisch präsent sein musste und konkret Verantwortung übernommen und nicht-persönliche Entscheidungen treffen musste. Also Besprechungen mit den anderen Leiter-Personen, Interaktion mit Jugendlichen, Zeit während den Programmpunkten, Telefonate oder auch die Stunde nächtliches Joggen mit dem Jungs-Zimmer von 0:00-1:00.
Zur Methodik/Details der Erfassung:
Ich logge am Handy ein/aus, erfasse keine genaueren Details zur Art der Arbeit (auch nicht die vom Volksschulamt vorgegebenen Kategorien). Gemäss Anstellung ist am Morgen 15' bezahlte Pause eingeplant, diese mache ich praktisch nie. Die Mittagspause sowie Arbeitsweg erfasse ich entsprechend Gesetz nicht als Arbeitszeit.
Es wird spannend zu sehen, wie die Statistik/Gleitzeit sich im nächsten Monat ändert, wo dann noch die Herbstferien darin liegen.
4. Es ist eine Lohnerhöhung
Kolleg.
Nochmals in leichter Sprache und anhand von meinem Beispiel:
Ich arbeite jede Woche 42 Stunden.
Alle (die Bevölkerung, Bildungsdirektion/Lehrplan, die Schulgemeinde, Eltern, Bundesrat) wollen, dass das die Schule gleich gut bleibt.
Wenn ich weniger arbeite, wird die Schule schlechter und das möchte niemand.
Das heisst, dass alle wollen, dass ich weiterhin jede Woche 42 Stunden arbeite.
Im Gesetz steht, dass 42 Stunden pro Woche 100% Arbeit sind. Ich bin aber nur für 80% angestellt, das wären nur 33 Stunden pro Woche.
Also muss man das Gesetz ändern, dass man mit 80% wirklich nur 33 Stunden arbeiten muss.
5. Du musst effizienter werden
Ja, das ist momentan das Einzige was bleibt. Egal wie es gemeint ist, ob als naiver Vorschlag, als höhnischer Kommentar oder als pragmatische Lösung für die Überbelastung.
Die ersten konstruktiven Ideen sind im öffentlichen Diskurs angekommen: Zum Beispiel von Daniel Kachel im Interview mit dem Tagi Webseite/Insta: Statt Elternabende ein digitaler Infobrief, weniger/keine Lager oder Schulreisen, keine Elterngespräche mehr am Abend.
Ich persönlich werde schauen, was ich am Unterricht schrauben kann: kleinere Prüfungen, die schneller kontrolliert sind. Wo möglich Aufgaben/Prüfungen nicht mehr selber erstellen sondern bestehendes nehmen, auch wenn das im Zweifelsfall nicht gut auf den aktuellen Wissensstand, die aktuelle Weltlage oder die individuellen Interessen der Jugendlichen zugeschnitten sind.
Auf jeden Fall werde ich mir jeweils doppelt überlegen, ob ich aufwändige Sachen plane, wie Exkursionen, aufwändige NT-Experimente (Sezieren von Herz/Auge), ...
Das macht mir keine Freude, ich kann den Job nicht so ausführen, wie ich es gelernt habe. Ausserdem würde ich gegen den kantonalen Lehrplan verstossen, wenn ich z.B. das Sezieren weglassen würde.
Es bleibt schlussendlich:
Entweder leiden weiterhin gutherzige Lehrpersonen unter unbezahlter Mehrarbeit/Überstunden. Oder es werden Abstriche gemacht und die Jugendlichen und die Bildung leidet.
In meinen Augen sind beides sehr dumme Konsequenzen für die Schweiz, wo wir doch lernen, dass Bildung der wichtigste Export der Schweiz ist.
Medienmitteilung ZLV
Der dritte Teil dieses Artikels:
Arbeitsbelastung, das sagen die Zahlen